Selbst Wege aus der Krise finden
Warum fühlen sich Menschen mit psychischen Erkrankungen hilflos?
Hahn: In vielen Fällen sind Passivität, Rückzug und Hoffnungslosigkeit Folgen einer psychischen Erkrankung. Gleichzeitig halten genau diese Verhaltensweisen die Dynamik der Krankheit aufrecht.
Was bedeutet das?
Hahn: Der Alltag ist vielfach geprägt von Unterforderung und Langeweile. Es entsteht das Gefühl, dass das eigene Leben keinen Sinn hat. Dazu kommt, dass diese Menschen den Eindruck haben, keinen oder kaum Einfluss darauf zu haben, was mit ihrem Leben geschieht. Der Zustand von Hilflosigkeit und Demoralisierung wird so noch verstärkt.
Haben sie wirklich keinen Einfluss auf das eigene Leben?
Hahn: Psychiatrieerfahrene Menschen haben immer wieder diese Erfahrung gemacht. Schon vor dem Ausbruch der Krankheit haben viele Betroffene das Gefühl, nicht Herr oder Frau der Lage zu sein. Sie befinden sich oft in einer bedrohlich und ausweglos erlebten Situation, die sie weder bewältigen noch durchschauen können.
Welche Auswirkungen hat das?
Hahn: Durch die Erkrankung sind einige Gefühle nur schwach ausgeprägt. Die Betroffenen haben Probleme, Informationen einzuordnen. Durch die Reizüberflutung haben die Betroffenen Schwierigkeiten, angemessene Lösungen im Alltag zu finden.
Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es?
Hahn: Entscheidend ist, den Betroffenen dabei zu helfen, die Einflussmöglichkeiten auf ihr eigenes Leben zurück zu gewinnen. Das erfolgt durch das sogenannte Empowerment.
Was genau ist Empowerment?
Hahn: Der Begriff kommt eigentlich aus der Emanzipationsbewegung und der Befreiungsbewegung der Afroamerikaner und beschreibt die Auflehnung gegen Unterdrückung und Machtlosigkeit. In der Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen geht es um die Vermeidung von diesem Gefühl der Hilflosigkeit.
Wie funktioniert das?
Hahn: Ein wichtiges Element von Empowerment ist das Recht zur Selbstbestimmung. Die Menschen werden zur Entwicklung eigener Stärken ermutigt und erhalten Hilfestellung der Entwicklung von Selbstbestimmung und Selbsthilfe. Dazu gehört auch die aktive Einbindung in den Behandlungsprozess.
Wie trägt das zur Verbesserung der Situation bei?
Hahn: Wer wieder mehr Einfluss auf sein Leben gewinnt und selbst entscheidet fühlt sich weniger ausgeliefert. Dadurch kann das Gefühl der Hilflosigkeit nach und nach verschwinden. Das kann auch einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung oder Heilung der psychischen Erkrankung leisten, denn durch Empowerment werden die Betroffenen in die Lage versetzt, sich selbst zu helfen.
Wie funktioniert das in der Praxis?
Hahn: Das für jeden Betroffenen sehr individuell. Im Gespräch wird versucht, die Auslöser und Belastungen für die psychischer Erkrankungen zu finden. Gemeinsam werden dann Lösungen und Unterstützungsmöglichkeiten für dieses Situationen gesucht.
Was sind solche Lösungen?
Hahn: Das kann sehr unterschiedlich sein. Während für den einen das Gespräch oder Sport eine Verbesserung bringen kann, ist für einen anderen ärztliche Hilfe unbedingt erforderlich. Solche Informationen bilden die Grundlage für den Krisenplan.
Welchen Sinn hat der Krisenplan?
Hahn: Dort sind Schritte festgehalten, die helfen Auslöser für Krisen zu vermeiden. Gleichzeitig findet der Betroffene dort auch eine Art „Fahrplan“ für die Krise. Das reicht von Maßnahmen bis zu Ansprechpersonen in der Krise. Die Betroffenen können so ihre Situation selbst in die Hand nehmen und auf den Krisenplan zurückgreifen.
Wo finden Menschen mit psychischen Erkrankungen diese Hilfe?
Hahn: Die Sozialpsychiatrischen Dienste des aks bieten an vier Außenstellen Unterstützung mit verschiedensten Angeboten, die auf die individuelle Situation der Betroffenen abgestimmt sind. Auch Selbsthilfegruppen können hilfreich sein.
Welche Angebote bietet der aks?
Hahn: Neben der sozialarbeiterischen Beratung und der Therapie ist im aks auch die Information und Aufklärung sehr wichtig. Je besser Betroffene und Angehörige Bescheid wissen, umso besser können sie eine Krise bewältigen.
