Vaterschaft – die größte und schönste Verantwortung
Wie wichtig ist die Herkunft für die Kinder?
Berthold: Kinder und auch Erwachsene möchten wissen, woher sie kommen. Wer sind meine Eltern, wer gehört zur Familie? Das gibt ein sicheres Zugehörigkeitsgefühl und Orientierung. Deshalb auch die häufig in Vorarlberg gestellte Frage an Kinder: „Wem ghörsch du?“.
Die Herkunft ist doch nicht immer eindeutig?
Berthold: Allerdings. Medizinisch ist es möglich, dass die Eizelle, der Mutterleib und die erziehende Mutterschaft von drei verschiedenen Frauen stammen. Und Samenzellen gibt es nicht nur von „freilebenden“ Männern, sondern auch auf der Samenbank. Da wird es schwierig für die Kinder, sich zu orientieren. Grundsätzlich sollte jeder Mensch Recht auf Informationen über seine biologischen Eltern haben.
Warum sollen Kinder Informationen über ihre biologischen Eltern haben?
Berthold: Die Mutterschaft ist meistens klar. Die Vaterschaft nicht immer. Ein Kind ist jedoch 50% Mama, 50% Papa und 100% Kind. Damit es sich selber annehmen kann, muss es über seine Wurzeln, seinen „Start“ Bescheid wissen. Beim „Marathon“ des Lebens kommt man nicht ins Ziel, wenn man nicht gestartet ist.
Hat die Vaterrolle genug Ansehen?
Berthold: Die Väter werden in ihrem Einfluss auf die Entwicklung der Kinder traditionell chronisch unterschätzt. Dies gilt nicht nur für die Familien, sondern auch für den Bereich von Kindergärten und Volksschulen, wo ein großes Männervakuum herrscht. Auch in der Gesetzgebung und bei Sorgerechtsverhandlungen vor Gericht zeigt sich häufig, dass der Vaterschaft wenig Stellenwert beigemessen wird.
Können Väter mit getrennt lebenden Kindern verbunden bleiben?
Berthold: Räumliche und zeitliche Trennung des Vaters von den Kindern hebt die Verbindung nicht auf. Selbst dann nicht, wenn kein Kontakt besteht. Es führt eine „unsichtbare“ und untrennbare Verbindung vom Vater zu den Kindern. Väter haben die Pflicht, diese Verbindung so gut als möglich zu pflegen und Mütter die Pflicht, den Kontakt zu ermöglichen.
Wollen alle Väter Kontakt mit ihren Kindern?
Berthold: Normalerweise ist dieser Kontakt ein Grundbedürfnis von Vätern. Es gibt jedoch auch Väter, die von sich aus diesen Kontakt und die väterliche Verantwortung nicht nehmen wollen oder können. Den Männern muss jedenfalls klar sein, dass die Vaterschaft nicht mit der Zeugung oder „Samenspende“ endet, sondern beginnt. Dies beinhaltet die zugleich größte und schönste Verantwortung die es gibt.
Wie wirken sich Trennungssituationen der Eltern auf den Vater-Kind-Kontakt aus?
Berthold: Eltern können sich als Paar trennen, jedoch niemals als Eltern. Sich als Eltern weiterhin gelten zu lassen erfordert große Anstrengung. Es gibt jedoch viele positive Beispiele, wo Vater und Mutter als Eltern weiterhin zusammenarbeiten. Tragisch sind die Fälle, in denen den Vätern der Kontakt zu ihren Kindern von Müttern und vom Gericht verweigert wird ohne dass eine erkennbare Gefährdung des Kindes vorliegt.
Wie wirkt sich eine solche Kontaktverweigerung aus?
Berthold: In erster Linie leiden die Kinder darunter. Sie geraten häufig in die Schusslinie der „Elternkriegsparteien“. Sie sollen oft auch noch Schiedsrichter spielen obwohl sie aufs engste mit beiden Elternteilen verbunden sind. Kommen sie zu Schluss, dass der Papa böse ist, trifft sie das selber, weil sie zu 50% aus Papa bestehen. Dies gilt ebenso umgekehrt für die Mama.
Wie gehen Männer mit so einer Situation um?
Berthold: Das ist sehr verschieden. Die meisten leiden seelisch massiv darunter. Viele engagierte Väter geben nach langem Kampf um den Kontakt entmutigt auf. Für Kinder selbst ist letztendlich nicht so sehr entscheidend, ob es dem Vater gelungen ist, den Kontakt herzustellen, sondern ob er es versucht hat. Sie können später selber mit ihm Kontakt aufnehmen und sich ein eigenes Bild machen. Die Verbindung bleibt unverbrüchlich.
Wo finden Väter Hilfe?
Berthold: Neben anderen Institutionen beraten und unterstützen die aks Kinderdienste Kinder und deren Eltern in schwierigen Situationen. Dazu gehört auch die Arbeit mit den Vätern.
