Wie begeistert man Kinder und Jugendliche für das Lesen?
Warum ist es wichtig, dass Kinder auch unabhängig von der Schule lesen?
Pollak: Was die Schule verlangt, wird oft nur als Pflicht wahrgenommen. Das erzeugt einen negativen Beigeschmack - die Überzeugung, dass Lesen etwas Schönes für das ganze Leben ist, stellt sich so nicht ein.
Welche Fähigkeiten werden beim Lesen geübt?
Pollak: Einerseits wird beim Lesen von Geschichten die Fantasie gestärkt. Wenn man mit den Hauptpersonen ihre Geschichte gemeinsam erlebt, wird die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen, geübt. Das ist eine wichtige Voraussetzung um im Leben Anderen gegenüber offen und verständnisvoll sein zu können. Andererseits hat Lesen auch eine "technische" Seite.
Was ist an dieser "technischen" Seite so wichtig?
Pollak: Lesen heißt nicht nur, einzelne Wörter oder Sätze entziffern können. Um eine Zeitung oder einen Artikel im Internet wirklich zu verstehen, muss man die Bedeutung von vielen Sätzen verstehen und kombinieren können. Das ist eine Fertigkeit, die viel Übung braucht.
Kann man diese Fertigkeit nur durch Bücher Lesen erlernen?
Pollak: Nein. Kinder müssen sich nicht unbedingt durch lange Geschichten kämpfen, um gut lesen zu lernen. Im Gegenteil, es ist wichtig, mit Kindern, die dem Lesen eher reserviert gegenüber stehen, kurze Texte und dünne Bücher zu lesen. Es soll ja Freude machen, das zu erfahren, was in dem Text steht.
Welche Arten von Texten gibt es noch?
Pollak: Sehr beliebt sind Comics. Hier ist der Text mit Bildern verbunden, die das Erfassen der Handlung erleichtern. In den letzten Jahren verlieren Comics glücklicherweise langsam das negative Ansehen. Selbstverständlich ist nicht jeder Comic empfehlenswerter Lesestoff, genau wie bei Büchern.
Gibt es noch anderen empfehlenswerten Lesestoff?
Pollak: Zeitschriften lesen Kinder und Jugendliche genau so gern wie Erwachsene. Es gibt viele Zeitschriften für Kinder und Jugendliche zu verschiedenen Themen, die in leicht lesbaren Texten Wissen vermitteln.
Sind auch ganz normale Zeitschriften nützlich?
Pollak: Ja, auch die üblichen Zeitschriften, die die Kinder meist von sich aus gerne lesen wollen, eignen sich als Lesestoff. Es soll ja die Begeisterung und Freude am Lesen geweckt und erhalten werden.
Können E-Books zum Lesen anregen?
Pollak: Noch sind E-Books nicht so weit verbreitet. Ich denke, dass die Verbindung von Lesen und Technik aber durchaus ansprechend sein kann, vor allem für Jungen.
Lesen Buben wirklich weniger als Mädchen?
Pollak: Ja, das ist für den deutschen Sprachraum durch mehrere Studien und Umfragen belegt.
Wie kann man Buben das Lesen schmackhafter machen?
Pollak: Wir brauchen mehr vorlesende Väter. Es ist erwiesen, dass Jungen, denen von ihren Vätern vorgelesen wurde oder wird, deutlich häufiger zu Lesern werden als solche, denen ihre Väter oder männlichen Bezugspersonen nur ausnahmsweise oder nie vorlesen.
Ist Vorlesen auch dann noch wichtig, wenn die Kinder schon selbst lesen können?
Pollak: Ja, und natürlich nicht nur für Jungen. Vorlesen ist nicht nur im Vorschulalter und während der ersten Schuljahre ein bedeutender Motor für die Lesefreude. Es bleibt auch später ein wesentliches Mittel, Kindern Spaß und Interesse an Geschichten und anderen Texten zu vermitteln.
Wie geschieht das beim Vorlesen?
Pollak: Das gemeinsam Gelesene bietet Anlässe, selbst Erlebtes gemeinsam zu erinnern, Gedanken auszutauschen, Gefühle anzusprechen. Sich abwechselnd vorlesen ist ein Geben und Nehmen, das macht das Teilen noch deutlicher.
Was können Eltern noch tun?
Pollak: Eltern sind ein ganz wichtiges Vorbild für ihre Kinder. Es nützt oft nichts, die besten und spannendsten Bücher zu schenken, wenn die Erwachsenen zu Hause selten oder nie mit einem Buch in der Hand zu sehen sind.
Wirkt dieses Vorbild immer?
Pollak: Nein, es gibt auch Kinder, die nicht gerne lesen, obwohl in ihrer Familie viel gelesen wird. Aber der günstige Einfluss von Eltern und Bezugspersonen, die mit Interesse und Freude lesen, ist unumstritten.
