Auffälliges Verhalten von Kindern
Worin dieses besteht, ist vom eigenen Toleranzspielraum, den gesellschaftlich geprägten Normen, Erwartungen, der eigenen Persönlichkeit und von Situation und Umfeld abhängig.
Was ist verhaltensauffällig?
Als auffällig kann das Verhalten eines jungen Menschen dann bezeichnet werden, wenn es signifikant von dem Verhalten abweicht, das als entwicklungs- und altersgemäß zu erwarten ist.
Jedes auffällige Verhalten kann folgende Ursachen haben:
- organische Faktoren
- auffällige ‚Entwicklungsprozesse
- ungelöste Konflikte
- akute Bedrohungen / Belastungen
Emotionales Thema
Verhaltensauffälligkeiten sind für alle beteiligten Personen ein hochemotional besetztes Thema. Sie können oft als missglückte Lösungsversuche von Konflikten angesehen werden. Bei ihrer Analyse muss immer das Verhalten der Interaktionspartner auch mitberücksichtigt werden.
Vorsicht mit dem Begriff "verhaltensgestört"
Der Begriff „verhaltensgestört“ birgt meines Erachtens Gefahren, denn die Verantwortung wird auf eine Person geschoben. Es findet eine Distanzierung vom Problem statt und es kann eine so genannte Pseudoobjektivität initiiert werden. Zudem kann dadurch der Konflikt weiter bestehen. Nicht selten sind Kinder die strengsten BeobachterInnen ihres eigenen Verhaltens, woraus dann oft eine gravierende Selbstwertproblematik und weitere Verhaltensprobleme resultieren: „Einige Menschen sagen ich sei nicht normal, also verhalte ich mich auch so.“
Auffälliges Verhalten verstehen
Verhalten muss immer im Kontext gesehen werden. Wird ein Tennisspieler alleine gesehen, ergibt sein Verhalten einen völlig anderen Eindruck, als wenn sein Spielpartner mit einbezogen wird. Die InteraktionspartnerInnen bedingen das Verhalten des Einzelnen, aber sie verursachen es nicht. Auch Eltern, KindergärtnerInnen, LehrerInnen u.a. sind nicht VerursacherInnen der Auffälligkeiten von Kindern, jedoch bedingen sie diese. Wo Menschen miteinander umgehen, entwickeln sich nach einiger Zeit bestimmte Regeln. Letztere können unausgesprochen sein, sind oft unbewusst und eher selten offen diskutiert und steuern das Verhalten der Beteiligten. Diese Spielregeln müssen ständig geändert und modifiziert werden, damit sie den sich verändernden Bedingungen gerecht werden (Bsp. Selbständigkeit eines heranwachsenden Kindes, die steigt stetig).
Lebensgeschichte einbeziehen
Menschen neigen oft dazu, auch bei menschlichem Verhalten die Ursache erforschen zu wollen, in der Hoffnung, daraus angemessene Maßnahmen zur Verhaltensänderung ableiten zu können. Es macht durchaus Sinn, die Lebensgeschichte eines Menschen mit einzubeziehen, um ein allgemeines Verständnis für Probleme zu erleichtern. Erfahrungen und Forschungen in der Verhaltensauffälligen-Pädagogik, der Kinderpsychologie und der Kinder- und Jugendpsychiatrie, bieten für bestimmte Verhaltensweisen plausible Erklärungen, die auch gut zu nützen sind, jedoch die „wahre Ursache“ ist auch dadurch nicht gegeben. Denn menschliches Verhalten folgt nicht linearen Gesetzmäßigkeiten und die unterschiedlichen Einflüsse im Leben eines Menschen sind so vielfältig und komplex, dass höchstens Hypothesen entwickelt werden können.
Eine gleichwürdige Begegnung zwischen Kind und Erwachsenem können Lösungen und Änderungen anstoßen … im Sinne von Martin Buber „alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
von Dr.Mag. Marlies Matt, Psychotherapeutin der aks-Kinderdienste in Bregenz