Vorlesen und Erzählen fördert die Sprachentwicklung
Was macht den Reiz des Vorlesens bzw. Zuhörens für Kinder aus?
Vorlesen im familiären Rahmen findet in der Regel in einer ruhigen gemütlichen Atmosphäre statt. Das Kind erfährt für einige Minuten die volle Zuwendung und Nähe der Bezugsperson. Es hört Geschichten über Dinge, die ihm oft aus dem eigenen Alltag bekannt sind und lernt diese in anderen interessanten Zusammenhängen kennen. Beim Lesen oder Erzählen von Bilderbüchern kommt natürlich der Reiz der Illustrationen hinzu.
Wie motiviert man ein Kind zum Zuhören oder Erzählen?
Das Vorbild spielt dabei eine wesentliche Rolle. Wer selbst Freude an Büchern hat und gerne liest, kann leichter Spaß am Geschichten Hören vermitteln. Wenn das gemeinsame Anschauen von Bilderbüchern von Anfang an für das Kind eine alltägliche Situation ist, kann es schrittweise an längere Texte herangeführt werden. Indem man es anhand des Geschehens im Buch nach eigenen Erfahrungen fragt, an Erlebtes erinnert, miterzählen lässt, kann das Kind aktiv teilhaben. Es wird angeregt, seine Fantasie spielen zu lassen und sich selbst verbal auszudrücken. Art und Dauer der Vorlesesituation sollten sowohl den Fähigkeiten wie auch der Tagesverfassung des Kindes angepasst werden.
Ab welchem Alter ist Vorlesen sinnvoll?
Gemeinsam Bücher betrachten und Bilder benennen kann man bereits mit eineinhalb-jährigen Kindern oder auch früher. Nach oben gibt es keine Grenze. Besonders wichtig ist Vorlesen in der Phase des Lesen Lernens. Vor allem Kindern, die sich damit schwer tun, kann man durch gemeinsames Lesen die Lust am Lesen erhalten.
Wie wirkt sich Vorlesen auf die Sprachentwicklung aus?
Bereits bei der Vorstufe zum eigentlichen Vorlesen, dem gemeinsamen Betrachten und Benennen der Bilder in einem Bilderbuch, wird der Wortschatz gefestigt und erweitert. Verse und Reime in den ersten Büchern mit Text unterstützen das Erfassen von Sprachrhythmus und Wortgliederung. Das Hören von bekannten Wörtern in Kontexten, die dem eigenen Alltag fremd sind, ergänzt das Wissen über Wortbedeutung. Dadurch verbessert sich die Ausdrucksfähigkeit und damit die Freude am Sprechen und später am Schreiben von Aufsätzen, Geschichten, Gedichten. Beim Hören von längeren Texten wird das Erfassen von Zusammenhängen geübt. Durch das Mitdenken entstehen innere Bilder, die beim Erzählen wiederum in Sprache umgesetzt werden.
Ist es prinzipiell besser wortgetreu vorzulesen?
Je nach Entwicklungsstand des Kindes kann man einzelne fremde Begriffe durch bekannte ersetzen oder Sätze kürzen. Allerdings sollte man die Aufnahme- und Lernfähigkeit der Kinder und ihr Interesse an neuen Begriffen und Bedeutungen nicht unterschätzen. Auch das „Übersetzen“ in den eigenen Dialekt ist eine gute Variante, die manchmal mehr Spaß macht als der hochdeutsche Text. Man kann Bilderbücher auch erzählen anstatt sie vorzulesen, allein oder gemeinsam mit dem Kind. Geschichten weiterzuspinnen oder ihnen einen anderen Verlauf zu geben macht Spaß, übt Fantasie und Fabulieren und bietet Raum, eigene Erlebnisse, Gedanken, Wünsche, Ängste einfließen zu lassen.
