Suizidbericht Vorarlberg 2008
„Vorarlberg liegt 2008 bei der Suizidrate (Suizide/100.000 Einwohner) mit einem Wert von 13,4 unter dem österreichischen Durchschnitt von 15,2“, betont Lsth. Mag. Markus Wallner. „Wir haben damit auch heuer das WHO-Ziel von einer Suizidrate von 15 deutlich unterschritten.“ Die höchste Suizidrate in Österreich weisen die Bundesländer Steiermark (19,9), Kärnten (18,9) und Salzburg (17,8) auf. Die wenigsten Suizide wurden in Wien (11,3), Tirol (12,1) und Vorarlberg (13,4) registriert.
Längerfristige Trends
Verlaufsstatistiken und der Blick in andere Regionen zeigen, dass von Jahr zu Jahr immer wieder „Sprünge“ zu beobachten sind. „Deshalb ist das Beobachten der längerfristigen Entwicklungen umso wichtiger“, so Prim. Prof. Dr. Reinhard Haller. Hier zeigt sich für Vorarlberg, ebenso wie für Österreich und die deutschsprachigen Nachbarländer ein äußerst positiver Trend. Seit den 80er Jahren konnte fast eine Halbierung der Suizidziffern erreicht werden, obwohl in den letzten 20 Jahren verschiedenste Entwicklungen eingetreten sind, welche den Entschluss zum Suizid erleichtern. „Dennoch ist nach den WHO-Daten davon auszugehen, dass weltweit jährlich mehr als 1,4 Mio. Menschen durch Suizid sterben und auf jeden vollendeten Suizid etwa 10-15 Suizidversuche kommen“, erklärt Haller.
Geschlechtsspezifische Trends
„Auffallend ist die Geschlechterverteilung“, erklärt Prim Dr. Albert Lingg. „Nach wie vor ist die Suizidrate bei Männern deutlich höher als bei Frauen.“ Bei den Suizidversuchen zeigt sich hingegen ein umgekehrtes Bild. „Zwei Drittel aller Suizidversuche werden von Frauen begangen“, so Lingg. Gründe dafür sind unter anderem, dass Frauen häufig eine Art des Freitods wählen, bei der sie möglicherweise noch gerettet werden können. Zudem ist der Suizidversuch bei Frauen häufiger als bei Männern eine Art letzter Hilferuf.
Zahlreiche Studien belegen ein besonderes Suizidrisiko für folgende Gruppen:
• Affektive Psychosen
• Alte und Vereinsamte
• Chronisch Kranke (mit Schmerzen und fehlender Heilungsaussicht)
• Alkoholabhängige (besonderes Risiko nach 8-10 Jahren)
• Drogenabhängige (bis 30% der „Drogentoten“ sind sicher Suizide)
• PatientInnen mit Essstörungen
• Personen mit Suiziddrohungen
• Personen nach Suizidversuch (10% Wiederholungen in den ersten 12 Monaten)
• an Schizophrenie Erkrankte (besonders gefährdet junge Männer, höheres Bildungsniveau)
• Personen mit Persönlichkeitsstörungen
• Personen in Haft (besonders in der ersten Zeit, U-Haft).
• Kurzschluss-Suizide (nach Unfällen, Trennungen, Arbeitsplatzverlust)
Suizidfaktor Wirtschaftskrise
Ob die Wirtschaftskrise Auswirkungen auf die Suizidrate hat, lässt sich nicht eindeutig belegen. „Während Umfragen zeigen, dass sich die Österreicherinnen und Österreicher Sorgen über die derzeitige Situation machen, lässt sich gleichzeitig keine steigende Suizidrate damit verbinden“, so Prim. Haller. Auch Zahlen aus Deutschland belegen dies.
Trotz einzelner spektakulärer Suizide in Zusammenhang mit der Finanzkrise ist zumindest bislang kein Anstieg der Suizidrate zu verzeichnen.
Prävention wichtig
Präventionsprogramme sind ein wichtiger Schlüssel, um den positiven Trend seit den 80er Jahren fortzusetzen. „Deshalb muss dringend darauf geachtet werden, dass die für die Suizidverhütung wichtigen niederschwelligen Beratungs- und Krisendienste (Telefonseelsorge, K.I.T., IfS) wie auch gemeindenahen und stationären Behandlungsstellen für psychisch kranke und süchtige Menschen gegenüber der Hightech Medizin nicht ins Hintertreffen geraten“, erklärt Prim Lingg. In Krisenzeiten, die insbesondere für psychisch labile oder finanziell benachteiligte Menschen zur Belastung werden raten die beiden Experten zudem zur Solidarität. „Neben der staatlichen Unterstützung kann hier solidarisches Handeln im Nahraum, vor allem das Verhindern eines sozialen Rückzugs Betroffener, präventiv wirken“, betont Prim. Lingg.
