Suizidbericht Vorarlberg 2007
Die Vorarlberger Suizidrate von 13,4 Suiziden/100.000 Einwohner ist niedriger als die gesamtösterreichische (15,4) und auch niedriger als das von der Weltgesundheitsbehörde ausgegebene Ziel (15,0). Die höchsten Suizidraten in Österreich haben die Länder Steiermark (18,5), Salzburg und Tirol (beide 17,7). Weniger Suizide als in Vorarlberg gab es nur im Burgenland (9,6).
LSth. Wallner: "Trotzdem ist das für uns kein Grund, sich zurückzulehnen, denn hinter jedem einzelnen Fall steht eine menschliche Tragödie und jeder einzelne Tod ist zuviel. Deshalb hinterfragen wir die Entwicklung gemeinsam mit den Fachleuten aus Medizin und Psychologie sehr sorgfältig."
Halbierung der Suizidzahlen seit den 1980-er Jahren
Verlaufsstatistiken und der Blick in andere Regionen zeigen, dass bei den Suizidzahlen immer wieder und überall größere Sprünge von Jahr zu Jahr vorkommen. "Umso wichtiger ist es, die längerfristigen Entwicklungen zu beobachten", betont Primar Reinhard Haller. Hier zeigt sich für Vorarlberg, ebenso wie für Österreich und die deutschsprachigen Nachbarländer ein durchaus positiver Trend. Seit den 1980-er Jahren wurde eine Reduzierung der Suizidziffern um fast die Hälfte erzielt, obwohl in den letzten 20 Jahre verschiedenste Entwicklungen eingetreten sind, die den Entschluss zum Suizid erleichtern. "Dennoch ist nach den WHO-Daten davon auszugehen, dass weltweit jährlich mehr als 1,4 Millionen Menschen durch Suizid sterben und auf jeden vollendeten Suizid etwa 10 bis 15 Versuche kommen", erklärt Haller.
Mehr Suizide bei Jugendlichen
Ein bedenklicher Trend ist die Zunahme von Suiziden bei sehr jungen Menschen. Auch wenn im vergangenen Jahr kein Kindersuizid zu verzeichnen war, gab es dennoch 43 Selbsttötungen von Jugendlichen bis 19 Jahren – um zwei mehr als im Jahr 2006. Laut einer Studie der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie gibt jeder fünfte jugendliche Schüler an, Suizid als mögliche Lösung all seiner Probleme zu sehen. "Todessehnsüchte bei Kindern treten meist bei innerfamiliären Problemen, bei Störungen des Sozialverhaltens und bei Kontaktschwierigkeiten auf, während bei Jugendlichen Substanzmissbrauch, Depressionen und Angststörungen als Hauptrisikofaktoren gelten", erklärt Primar Haller.
Internet und Suizid
Das Internet birgt in der Suizidprävention gleichzeitig Gefahren und Chancen. Durch Suizidforen werden Menschen mit suizidalen Impulsen zusammengebracht, was zur Verstärkung der Todeswünsche, zum Informationsaustausch über Suizidmethoden oder zur Verabredung von Suizidpakten führen kann. Das Neue an suizidalem Verhalten im Cyberspace ist die Begegnung von einander völlig fremden Menschen mit Suizidabsichten. Primar Haller hält es aber für fraglich, ob solche virtuelle Suizidpakte zu einem Anstieg der Suizidziffern geführt haben, oder ob die weltweit auf über 100.000 geschätzten Suizidforen nicht auch einen katalysierenden Einfluss haben können.
Besondere Risikogruppe: Männer von 45 bis 64
Auffallend bei den Suizidzahlen ist auch die Geschlechterverteilung, so Primar Albert Lingg. Im vergangenen Jahr wurde vor allem eine Zunahme der Suizide bei Männern festgestellt. Besonders betroffen ist neben der Gruppe der jungen Erwachsenen die Altersgruppe der 45- bis 64-Jährigen. "Das könnte mit der in dieser Phase schwierigen Situation im Berufsleben, mit der Zunahme von körperlichen und psychischen Krankheiten, mit dem Burn-out-Syndrom und mit einer sich abzeichnenden Vereinsamung zu tun haben", meint Lingg.
Prävention wichtig
Präventionsprogramme sind ein wichtiger Schlüssel, um den positiven Trend seit den 1980-er Jahren fortzusetzen. Primar Lingg: "Die meisten Präventionsmaßnahmen zielen darauf ab, das Risiko für selbstschädigendes Verhalten zu vermindern, die Fähigkeit zur Abgrenzung von der Gruppe zu erhöhen, adäquate Bewältigungsstrategien bei Krisen zu vermitteln und einen vernünftigen Umgang mit Risiken zu fördern." Besonders hervorzuheben sind hier Schulprojekte in Tirol und Oberösterreich, die darauf abzielen Risikofaktoren bei Jugendlichen zu vermindern, z.B. Stress, Außenseitertum, Mobbing oder Ausbildungsmängel.
Ziele für Vorarlberg
Nach der erfolgreichen Vorarlberger Suizid-Tagung im November 2007 im Kulturhaus Dornbirn und dem Maria-Ebene-Symposium zum Thema "Selbstmutilisation" gilt es für das kommende Jahr, konkrete Projekte umzusetzen. Geplant sind interinstitutionelle Diskussionen, eine Befassung des Psychiatriebeirates, verstärkte Einbindung in die diversen Ausbildungen (psychotherapeutisches Propädeutikum und Fachspezifikum, Kranken- und Gesundheitsberufe, Sicherheitsdienste) und eine Überarbeitung des Vorarlberger Suizidregisters. Generell sollen sich alle primär- und sekundär präventiven Bemühungen auf folgende von der EU formulierten Ziele ausrichten:
- Förderung der Öffentlichkeitsarbeit über Suizid, Suizidprävention und Postprävention.
- Finanzielle und strukturelle Förderung der Suizidprävention.
- Koordination der Aktivitäten aller mit Krisen, psychischen Störungen und Suizid befassten Organisationen.
- Förderung und wissenschaftliche Unterstützung von innovativen Projekten, um die Auswirkungen der Präventionsmaßnahmen auf Ursachen und Hintergründe der Suizidalität sowie auf das soziale Umfeld Gefährdeten zu evaluieren.
Geplant ist laut Primar Lingg weiters die Beteiligung an einer Internet-Initiative der Deutschen und Österreichischen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS, ÖGS). Die Website www.suizidprophylaxe.de soll zu einer Plattform für die vielfältigen Materialien zur Suizidprävention ausgebaut werden.
